Abschied

Sie war nicht willkommen. Der Vater unbekannt, man sagt er sei groß und stattlich gewesen. Die Mutter wird der Tochter nie verzeihen, dass sie sie alleine und vor allem unverheiratet aufziehen musste.

Kleines, einsames Mädchen. Verzogen von der Großmutter, die die Lieblosigkeit der Mutter ersetzen wollte. Die Kindheit der Kleinen scheint von zwei Polen gekennzeichnet: Überschüttende Liebe und starke Ablehnung. Sie baute sich eine Phantasiewelt auf, die bis an ihr Lebensende Teil ihrer Persönlichkeit werden sollte.

Als das Kind 16 Jahre alt geworden war, ging ihre stolze Mutter, möglicherweise erneut schwanger, ins Wasser. Das Mädchen würde sich zeitlebens die Schuld an ihrem Tod geben.

Ihren Wunsch, Medizin studieren zu können, konnte sie sich nun nicht erfüllen, sie wurde Krankenschwester. Eine sehr gute.

Der Mann, der sie heiratete, hatte eine andere gesucht, sie sah ihr ähnlich, ihr Wesen jedoch war ein ganz anderes. Sie suchte nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung und lebte auch immer in ihrer Welt, die neben ihr niemand verstand und sehen konnte.

Das Paar, beide auf ihre Weise attraktiv, bekam zwei Kinder. Es gab gute und auch schlechtere Zeiten, wie sie jede Familie durchlebt. Aber zueienander fanden sie lange nicht wirklich:

Weder konnte er ihre Wünsche erfüllen, noch sie die seinen. Sie lebte weiter in ihrer Welt, erfand sich immer wieder neu – heute würden Psychiater ihre Gefühlsschwankungen und ihre häufige Persönlichkeitsänderungen vielleicht als Borderline-Störung bezeichnen. Die Kinder konnten es häufig nicht einordnen, wenn ihnen ihre Mutter einmal sehr, fast schon zu viel, nah war und sie im nächsten Moment zurückwies. Wenn sie Fremden Geschichten über sich und ihre Familie erzählte, an die sie glaubte, die sie wohl auch so wahrnahm, die aber nicht der Realität entsprachen. Der Vater verstand sie nicht, war einsam, sie ebenfalls. Sie lebten sich immer weiter auseinander, bleiben dennoch immer zusammen.

Sie blühte nur auf in ihrer Arbeit. Dort war sie anerkannt, wurde geschätzt und schien sich sicher zu fühlen. Sie arbeitete viel. Auch nach ihrer Erwerbsarbeit schien sie nur die Arbeit im Haushalt zu kennen. Sich ausruhen, entspannen, Gespräche führen, zuhören, einem Hobby nachgehen – das schien sie nicht zu kennen, aber auch nicht zu vermissen. Eine schwere Krankheit, die sie über Jahre immer wieder zu längeren Krankenhausaufenthalten mit anschließender langwieriger Reha zwang, überstand sie mit eiserner Disziplin, stets nahm sie ihre Arbeit schnellstmöglich wieder auf. Von einem Arbeitsunfall in die vorzeitige Rente gezwungen, verlor sie in kürzester Zeit ihre immer noch jugendliche Attraktivität. Mit Anfang 60 war sie über Nacht eine alte Frau geworden.

Es folgten schwierige Jahre in denen das Paar nicht immer zusammenleben konnte. Erst als ein Heim sie aufnahm und sie dort miteinander ein Zimmer bewohnen konnten – zunächst gingen sie ins Betreute Wohnen, danach in den Beschützten Bereich und zuletzt waren sie auf der Pflegestation – fanden die zwei alt gewordenen gebrechlichen Menschen tatsächlich zusammen und schätzten einander. Er lieh ihr, nachdem sie erblindet war, seine Augen. „Ich muss doch für sie da sein, sie hat ja niemanden außer mir!“ hörte ich ihn nun häufig sagen. Sie wurde zu seiner Krankenschwester, die immerzu nach ihm fragte und erst beruhigt war, wenn sei seine Hand halten konnte.

Mir blieb sie lange fremd. Diese schöne, unnahbare, unbegreifliche und unberechenbare Frau. Streng, lieblos, ja sogar böse kam sie mir oft vor. Manchmal sprach sie davon, sich das Leben zu nehmen, verschwand und wir suchten sie voller Angst und Sorge. Nähe, Vertrautheit, liebevolle Akzeptanz, das war mir fremd. Und dennoch muss es diese Momente gegeben haben, ein Foto ist mir in Erinnerung, wir liegen gemeinsam unter einer Decke und scheinen uns sehr nah zu sein.

Als sie nicht mehr konnte, holte ich die Mutter zu mir. Der Vater kam erst später. Und im Heim erhielt sie endlich Medikamente. Unter anderem Antidepressiva. Und sie wurde eine wunderbare, liebevolle, dankbare Mutter, meine Mama. Diese letzten Jahre sind ein großes Geschenk für mich. Gleichzeitig machen sie mich traurig, weil ich meine Mutter nie wirklich kennen lernen durfte.

„Die muss mal zum Psychiater“, diesen Satz habe ich im Ohr, es war immer bekannt, dass meine Mutter „nicht ganz richtig ist“. Wie traurig, dass sie nicht beizeiten behandelt wurde, traurig für ihre Familie, aber vor allem auch für sie selbst, die sich nichts sehnlicher wünschte als geliebt und akzeptiert zu werden. Wir konnten ihr diese Liebe in ihren letzten Jahren geben, so wie sie dies nun auch zeigen konnte.

Ich hätte diese Frau gerne früher kennengelernt. Ich hätte mich gefreut, wenn wir früher eine Chance für eine gute Mutter-Tochter-Beziehung erhalten hätten. Ich hätte ihr gerne früher meine Liebe gezeigt. Das hätte sie verdient.

Dennoch hatten wir ein paar gute Jahre. Für diese bin ich heute sehr dankbar. Ich werde sie in guter Erinnerung in meinem Herzen tragen. Ich hatte eine liebe Mama. Zeigen konnte sie es lange nicht, aber ich weiß es jetzt.