Hässliche Nackte

Hässliche Nackte

“Hier fahre ich nie wieder hin, hier sind ja nur lauter hässliche Menschen!“

Diese Bemerkung habe ich schon öfter so oder so ähnlich gehört, wenn es um FKK und besonders um durch erotische Kleidung betonte Nacktheit geht.

Ich habe meine Kindheit in den 1970er Jahren relativ ungezwungen verbracht, zu Hause war Nacktsein kein Thema, wir waren es eben und jeder zeigte sich ungezwungen in seiner Nacktheit innerhalb der Familie. Als Teenager in den 1980er Jahren gehörte ich dann leider zu der Generation, in der die Prüderie wieder zunahm, Nacktbaden am See war verpönt.

Inzwischen genieße ich es wieder sehr, mit Gleichgesinnten am FKK-See zu liegen, das Sonnen und Baden ohne Badekleidung am Strand und das FKK-Camping. Ich mag es, frei zu sein, dazu gehört für mich auch, in einer Umgebung die das erlaubt, meine Kleidung abzulegen. Genauso, wie ich es als selbstverständlich empfinde, meine Sexualität so auszuleben, wie es mir passt. Ich liebe die Weißen Feste, die früher wohl noch freier waren; ich liebe den Schabernackt-Fasching mit den sehr netten und höflichen Swingern und ich würde es lieben, wenn es im Englische Garten noch mehr Nackerte jeden Alters, so wie früher eben, gäbe.

Letztes Jahr verbrachte ich meinen Urlaub in Südfrankreich auf einem FKK-Campingplatz. Ein Campinglatz gelegen in einem Village Naturiste, meines Wissens die größte Naturistenanlage Europas, die ihresgleichen sucht. Hier können Menschen sowohl am Strand, als auch in der Naturistenstadt vieles machen und haben, müssen dies aber nicht. Das bezieht sich sowohl auf die sexuellen Möglichkeiten, als auch auf die vorhandene oder eben nicht vorhandene Kleidung.

Ja, es gibt hier die tollste erotische Kleidung zu sehen und zu kaufen, sie wird von Menschen jeden Alters und jeder Körperstatur stolz getragen und vorgeführt. Und hier komme ich auf den eingangs erwähnten Ausruf zurück „hier sind ja nur lauter hässliche Menschen!“

Im Naturistenressort, im Swingerclub, am harmlosen FKK-See, finden sich sicher auch die glücklichen Menschen, die von der Natur mit einem wundervollen, dem gängigen ästhetischen Schönheitsideal entsprechenden Körper und Aussehen gesegnet wurden.
Aber wie sehen wir uns persönlich? Warum sollten wir über die hässlichen, dicken, dürren, alten Menschen lästern und es als Zumutung empfinden, wenn sie sich erotisch auffällig kleiden und gar noch sexuell aktiv zu sein scheinen?

Tatsächlich, hier im Naturistenressort sind viele ältere Menschen unterwegs:
Ältere Männer, eher unauffällig gekleidet, die ihre Frauen an der Hand durch das Ressort und die Clubs führen. Die Frauen, oft weit in den Sechzigern, tragen häufig auffällige Netzkleider, oder andere erotische Kleidung, die gerne im Swingerbereich getragen wird. Ja, die Frauen und Männer sind alt, auch die Männer, die sich nackt oder mit Netzhemd zeigen. Sie sind dick und faltig, oder dünn und faltig, das Haar ist schütter, der Gang gebeugt und manchmal schon etwas unsicher.

Aber diese Alten waren doch die vormals Jungen, Schönen, die sich hier in den Hochzeiten auslebten und dies eben weiterhin tun. Wie mutig, wie rührend und wie schön, denke ich mir immer.

Und dann gibt es hier auch die Jüngeren, die nicht immer den Maßstäben unseres ästhetischen Zeitgeistes entsprechen. Aber sollte dies jemanden stören?
Ich kann mich freuen, gehöre ich doch vom Aussehen und mit meiner Figur zum Durchschnitt. Nicht mit allen Körperteilen ganz zufrieden, dennoch kann ich mich auch nackt in der Öffentlichkeit zeigen und ernte wohlwollende Blicke und fühle mich geschmeichelt. Womit habe ich mir das verdient? Mit dem Sport, den ich treibe, um auch im mittleren Alter noch recht passabel auszusehen? Ja, das könnte anerkannt werden. Aber vieles ist Veranlagung, da kann ich nichts dafür. Und ich werde auch älter, bin nicht mehr ganz jung, und möchte weiterhin Teil dieser Gemeinschaft sein.

Ich habe Achtung vor den Alten, den Hässlichen, die ich wunderschön finde. Ich freue mich jedes mal, wenn ich diese wundervollen Menschen sehe. Sie berühren mich und ich finde sie mutig.

Ob ich diesen Mut aufbringe, wenn es soweit ist, das wünsche ich mir. Sehr.


Bildquelle: Pixabay


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