Coronakontrolle

Meine Mama ist gestorben. Nachdem mein Vater im vorigen Jahr verstorben war, zog sie sich immer mehr in ihre eigene Welt zurück, es schien, als hätte sie nun auch keinen Lebenswillen mehr. Letzte Woche war es dann soweit, sie wollte gehen. Drei Tage durften wir sie im Heim begleiten, trotz Corona. Meine Mama ging ruhig und gelassen und verstarb mit einem Lächeln auf ihren Lippen.
Wir werden dem Heim immer dankbar sein, das war für uns als Angehörige und wir denken auch für sie, eine gute Zeit. Und eine Selbstverständlichkeit für uns: Hatten wir doch im Jaht zuvor meinen Vater und zehn Jahre zuvor meine Oma ebenso begleitet.

Aber ganz selbstverständlich ist dieser Kontakt derzeit wohl doch nicht: Ein Verwandter berichtete, dass seine 95 Jahre alte Tante nach einem Oberschenkelhalsbruch – und jeder weiß, was das für eine Dame in diesem Alter bedeutet – im Krankenhaus von ihren Angehörigen nicht besucht werden durfte. Sie ist inzwischen genesen, ein kleines Wunder, aber Besuch empfangen darf sie immer noch nicht.

Also hatten wir Glück. Wir wurden umsorgt und bekamen alles, was uns die Zeit ein wenig erleichterte. Vielleicht war es auch der Tatsache geschuldet, dass es kaum vorkommt, dass Sterbende im Heim neben den Pflegern noch von Verwandten begleitet werden. Als ich das hörte, war ich erschüttert. Und in dem Heim, in dem meine Eltern ihre letzten Jahre verbrachten, erhalten die Bewohner die beste Fürsorge, die man sich in einem Pflegeheim vorstellen kann – dennoch ist es unrealistisch daran zu denken, dass ein Sterbender während des gesamten Prozesses von Pflegern begleitet werden kann. Viele andere Pflegebedürftige müssen tagtäglich umfassend versorgt und gepflegt werden. Die umfangreiche Doku muss geschrieben werden und in Zeiten der Corona-Abschottung müssen die Pfleger auch noch die Aufgaben der Fußpfleger, der Friseure, der Therapeuten, der freiwilligen Betreuerinnen und Besucher und der Angehörigen – falls es noch welche gibt – übernehmen. Alle Mitarbeiter im Heim wirken motiviert, das Team scheint gut zu funktionieren, die Mitarbeiter scheinen sich zu schätzen. Ich schätze den liebevollen Umgang mit den Bewohnern, ich kann das beurteilen, habe selbst in dem Bereich gearbeitet.

Das Heim liegt etwa 50 Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Auf der A9 wurden wir dann von einem Polizeiauto angehalten. Und so kam ich zum ersten mal in meinem Leben in den Genuss einer Polizeikontrolle.

Als ich den Beamten sagte, ich könne ihnen meine Papiere gerne zeigen, müsse aber etwas nachdenken, wo ich meinen Geldbeutel verstaut habe, ich sei nicht so gut beieinander, weil meine Mutter gerade verstorben sei, sagte mir der Beamte freundlich – nachdem er sich erkundigt hatte, in welchem Heim wir gewesen seien – ich könne einsteigen und weiter fahren.

Das Thierchenkind wollte aber doch noch wissen, warum wir denn nun angehalten worden waren, ob wir etwas falsch gemacht hätten. Ja, das hätten wir in der Tat, wenn wir nicht einen Grund für die Fahrt gehabt hätten: Münchner Kennzeichen, an einem Samstag im April 2020 auf der A9 hinter Pfaffenhofen und das auch noch im Cabrio – unerlaubt eine Ausflugsfahrt unternehmen – in Coronazeiten ist das eine Ordnungswidrigkeit, die kontrolliert und geahndet werden muss!

Ich halte mich an Regeln, die mir stimmig und wichtig erscheinen. Das Thierchenkind noch viel mehr, vielleicht auch, weil die jüngere Generation es mehr gewöhnt ist, dass für sie gedacht, getan und gesorgt wird. Aber ich bin es gewöhnt für mich selbst zu sorgen und für andere auch. Und es tut mir leid, dass Polizeibeamte, für die ich insgesamt eine große Sympathie hege, dazu gezwungen werden, unbescholtene Autofahrer zu kontrollieren, weil deren Nummernschild nicht mit dem des Landkreises übereinstimmt, den sie befahren. Die Infektionsgefahr während der gesamten Fahrt war meiner Auffassung nach am Größten, als wir den Polizeibeamten direkt ohne Schutzmasken gegenüberstanden.

Für seine leichte Kleidung genierte sich das Thierchen übrigens etwas – der Anruf des Heimes überraschte es beim – einsamen – Sonnen am See. Auch ein Fall für eine Coronakontrolle?