Ein Jahr Ausnahmezustand – eine persönliche Bilanz

Ein Jahr Ausnahmezustand – eine persönliche Bilanz

Ich wünsche mir mein altes Leben zurück, mein freies und relativ unbeschwertes Leben, das ich bis Februar 2020 führte. Nur fürchte ich, dass ich dieses Leben nicht mehr in dieser Form führen werden kann und das beängstigt mich, macht mich traurig, macht mich wütend, hinterlässt mich sprachlos, ja, für einige Monate hatte ich meine Schreibsprache verloren.

Hier kommt nun die Bilanz meines persönlichen „Coronajahres“ 2020/2021

Januar 2020
Lockere Verfolgung der Nachrichten aus China: Ein neuartiges Virus sei auf den Menschen übertragen worden, Abriegelung der Stadt Wuhan und unsere Kommentare „Das kann auch nur in China mit dieser restriktiven Regierung gelingen“.
Eine Woche Fuerteventura, dass dies möglicherweise unser letzter Flugurlaub gewesen sein wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Wir sind vertraut mit den Angestellten, den jungen Animateuren und freuen uns für sie, dass gerade noch nicht so viel los ist im Hotel. Auch für diese Menschen wird sich in in einigen wenigen Wochen das Leben komplett verändern.

Februar 2020
Es gibt keine Weißen Feste mehr, die Max Emanuel Brauerei wird geschlossen. Alternativveranstaltung im Außenbezirk Münchens. Dennoch feiern wir diesen Fasching wie in jedem Jahr – ein wenig frivol, vergnügt, mit Freude.

März 2020
Ich sorge mich anlässlich der Medienberichte um die Gesundheit meiner Liebsten. Das Virus ist bei uns angekommen. Wie lange werde ich noch im Büro und im Unterricht arbeiten können?
Aufruf des Krankenhauses Dritter Orden zum Maskennähen für Besucher und Patienten. Ich frage bei einer Freundin nach, ob das wirklich sein kann – nach der Bestätigung beginne ich Stoffmasken zu produzieren, zunächst für das Krankenhaus, bald für Angehörige und Freunde, irgendwann für unbekannte Menschen, der Kontakt wird hergestellt in einer Facebook-Gruppe.
Ende März verlege ich meine Arbeit ins Homeoffice, Beratung nur noch telefonisch, ich bin besorgt, die täglichen Meldungen mit beängstigenden Zahlen der Neuinfektionen und der Ungewissheit, wie der Verlauf der Infektion sein wird. Die Sorge, dass viele Menschen sterben werden, belastet mich sehr.
Den Besuch meiner Mutter im Seniorenheim verschiebe ich zweimal, aus Sorge, sie anzustecken, ich hatte eine Erkältung. Dann doch noch hingefahren, ein großes Glück, wie sich herausstellen wird.
Ich begrüße den ersten Lockdown, sehe ihn als einzige Möglichkeit, Schlimmeres von unserer Gesellschaft abzuwenden und frage mich, warum das nicht schon früher geschah.
Ein Angehöriger einer Nachbarin verstirbt nach invasiver Beatmung an COVID-19. Über 70 Jahre alt, mehrfach chronisch krank.
Ein Nachbar mit multiplen Vorerkrankungen verstirbt ebenfalls, möglicherweise auch COVID-19.

April 2020
Weiter arbeiten im Homeoffice, ich lege die Angst langsam ab, informiere mich zunehmend über alternative Kanäle, stelle die Zahlen und die Berichterstattung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer mehr in Frage.
Meine Mutter verstirbt plötzlich, wir dürfen sie im Heim unter der Auflage „Maske außerhalb des Zimmers tragen“ drei Tage begleiten. Ein Segen und ein Glück, wie sich bald herausstellen wird, was für uns selbstverständlich war, wird bald nicht mehr möglich sein. Einsames Sterben wünsche ich nur denjenigen, die sich das für sich selbst ausbitten.

Mai 2020
Arbeiten im Büro ist wieder unter sehr strengen Hygieneauflagen möglich, Unterricht zunächst noch nicht, hier müssen noch Konzepte zur Umsetzung entwickelt werden. Viele Kontakte finden weiterhin telefonisch statt. Meine Klienten sind teilweise sehr verängstigt und verunsichert.
Die Meinungen der Kollegen gehen weit auseinander, vorsichtiges Umgehen mit der eigenen Meinung.

Juni 2020
Man gewöhnt sich an den Anblick maskentragender Menschen, aber gerade wenn ich Kinder draußen mit Masken sehe, wird mir als Mutter zweier Kinder und als Erzieherin ganz schwer ums Herz. ich habe mich während meines Studiums mit Traumatisierung und Traumatherapie beschäftigt. Die mahnenden Worte einiger Politiker und Virologen, dass die Kinder als Virusüberträger möglicherweise Schuld am baldige Tod ihrer Eltern und Großeltern tragen könnten, finde ich empörend, unreflektiert, anmaßend und gefährlich. Was macht das mit den Kindern, frage ich mich oft.
Urlaub in Österreich – Eintauchen in eine andere, unbeschwerte Welt, die wir hier langsam zu verlieren scheinen.
Weiterhin oft nur telefonische Beratung möglich:
Große Probleme haben alleinerziehende Mütter, die nicht wissen, wie sie Arbeit finden sollen, wenn ihr Kind nur noch an bestimmten Tagen und für wenige Stunden die Schule besuchen kann, oder der Unterricht nur noch digital stattfindet. Wie soll das gerade auch in bildungsferneren Haushalten funktionieren?

Juli 2020
Immer mehr bezweifle ich die Gefährlichkeit des Virus für die gesamte Bevölkerung, frage mich, ob die Weitergabe meiner persönlichen Daten tatsächlich relevant für die Eingrenzung des Virus ist, stelle die PCR-Tests immer mehr in Frage. Das Leben geht weiter, reduziert.
Immer wieder meine Frage, was wird das langfristig mit unseren Kindern machen, wie wird sich das auf die zukünftige Erwerbsgeneration auswirken?
Ich sehe gerade Kinder aus bildungsfernen Haushalten als große Verlierer dieser Zeit und der Maßnahmen: Sie werden vielleicht nie mehr das Versäumte aufholen, gerade Kinder, die eine intensive Förderung benötigen.

August 2020
Sommer ohne Reisen, oder nur unter strikten Auflagen und Testpflicht. Wir bleiben in München, wenig soziale Kontakte. Überlegung, an einer Demonstration gegen die Maßnahmen teilzunehmen.

September 2020
Verfolgung der täglichen Meldungen und der von der Regierung auferlegten Restriktionen. Sorge, dass unsere Demokratie dauerhaft gefährdet ist. Zerwürfnisse im engsten Kreis machen sich bemerkbar, was sage ich wem, was kann ich wem noch sagen, wem kann ich meine Meinung offen kundtun, welche persönlichen oder beruflichen Konsequenzen könnte dies nach sich ziehen?

Oktober 2020
Planung des Umzuges nach Österreich. Beschäftigung mit den Informationen zur Entwicklung eines Impfstoffes. Immer wieder die Frage, ob diese Maßnahmen, die so sehr unsere Grundrechte beschneiden und missachten, tatsächlich angemessen sind. Immer wieder auch die Frage, könnte etwas Größeres dahinter stehen? Der Mensch sucht nun einmal auf Antworten, wenn er sich etwas nicht erklären kann… ich finde keine.

November 2020
Packen, Haushalt auflösen, wie kann ein Umzug in diesen Zeiten und auch noch länderübergreifend, gelingen?

Dezember 2020
Umzug nach Österreich fand statt, wir haben das einzig mögliche Zeitfenster erwischt. Unser Plan, Weihnachten hier mit den Kindern zu feiern, wird nicht aufgehen, zu sehr sind die Reisemöglichkeiten beschränkt.
Weihnachten mit der Familie in München. Immer wieder ist Corona ein Thema, das in der Familie kontrovers diskutiert wird.
Silvesterfeiern mit einem zweiten Haushalt, das ist erlaubt.

Januar 2021
Wien – Einrichten im neuen Haushalt, die Maßnahmen gleichen sich, Österreich hatte meiner Meinung nach noch härtere Auflagen. Ausgangssperre, kein Ende dieser Maßnahmen in Sicht. Hoffentlich schaffen es die meisten Betriebe zu überleben.

Februar 2021
Überlegungen, wie das mit dem Pendeln zwischen München und Wien gelingen kann. Werde ich bald meine Arbeit aufnehmen können?
Wann werden mich meine Kinder besuchen können? Wann werden unsere Freunde zu Besuch kommen können?
Wann und in welcher Form wird das Leben im meine Heimatstädte zurückkehren? Werden wir und alle wieder unbeschwert begegnen können? Wie viele Wunden, die in den Menschen entstanden sind, wie viele tiefe Gräben, werden wieder verheilen und geschlossen werden können?

Wo werden wir nächstes Jahr um diese Zeit stehen?

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