Nacktsein – Lebensfreude oder Zumutung?

  • Beitrags-Kategorie:Unbetreute Gedanken
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Nacktsein – Lebensfreude oder Zumutung?
Vom Umgang mit einer Selbstverständlichkeit und vom Untergang einer Lebenseinstellung

Ich bin gerne nackt. Nicht nur im geschützten Zuhause. Ich empfinde diese Nacktheit als grenzenlose Freiheit. Badebekleidung, ob in trockenem oder nassschwerem Zustand trage ich nicht gerne und deshalb bin ich glücklich, in eine Zeit und in eine Kultur hineingeboren worden zu sein, die Nacktsein, zumindest in dafür vorgesehenen Zonen, erlaubt. Noch.

Geboren in eher prüdere Lebenswelten im damaligen Westdeutschland, kostete die Liebe zum An- und Hinnehmen des eigenen, nicht überall bedingungslos geliebten hüllenlosen Körpers und der unbefangene Umgang mit anderen Nackten zunächst Überwindung, die schnell einer großen Freude und Unbeschwertheit wich. Baden am FKK-Strand oder -See mag ich nicht mehr missen.

In Südfrankreich, direkt an einem wunderschönen Sandstrand gelegen, gibt es eine reine Nudistenstadt, hier kommen sowohl Freikörpersonnenanbeter, als auch Swinger und Fetischanbeter auf ihre Kosten. Ganz einvernehmlich sieht man hier Familien neben der Latexlady oder dem netzbestrumpften Sub flanieren, am Strand erstreckt sich der sündige Teil nach der einen Seite, der familientaugliche nach der anderen, getrennt durch eine Bar. Ein wunderbares Neben- und Miteinander mit offenen und vor allem sehr, sehr freundlichen Menschen!

Abends führen die Männer ihre Frauen im Netzkleidchen an der Hand und präsentieren sie stolz, wie einen großen Schatz. Konfektionsgröße egal. Die androgyne kleinbrüstige in Ledergurte gekleidete Schöne lächelt der kurvigen Dame mit Glitzerlendenschürzchen zu, jeder scheint erwünscht, wird gesehen, darf sich präsentieren.

Letztens hörte ich dann den Ausspruch „so viele hässliche Nackte auf einmal, das ist ja eine Zumutung, hier fahre ich nicht mehr hin!“ Ja, nicht mehr hinfahren wäre dann passend. Aber diese Aussage in ihrer ganzen Härte wirkte bei mir nach.

Auch ich bin sicher nicht die schönste Nackte, habe schon ein paar Jährchen und zwei Kinder auf der Haut und den Rippen, bin schönem Essen und Getränken nicht abgeneigt, nun ja. Es passt schon. Immer noch. Wahrscheinlich gehöre ich noch nicht zu den ganz hässlichen Nackten. Darüber freue ich mich. Aber ich kann wenig dafür, etwas Sport und meine tägliche Radlfahrt zur Arbeit bereiten mir Freude und mein Körper lässt dies immer noch zu.

Aber was bewirkt bei „Normalaussehenden Normalgewichtigen“ diese häufig extremen Reaktionen, wenn sie nackte Menschen, vielleicht dann auch noch im Swinger-Outfit betrachten, die nicht unserem gängigen Schönheitsideal entsprechen? Ist es zum Einen dieses grundsätzliche „Bäh“, diese Obszönität der mit Kaumkleidung unterstrichenen Nacktheit und der damit erzeugten sexuellen Phantasien, die alle möglich scheinen? Diese zügellosen, unförmigen Menschen, mögen doch einfach Zuhause bleiben – meine sexuellen Phantasien möchte ich bitte nur mit schönen, schlanken, gleichmäßig gutaussehenden unnahbaren Figuren ausleben, nicht mit der bebrillten Mutti, Sekretärin oder Kassiererin bei Penny möglicherweise im wahren Leben. Nein. Zu nah, zu wahrhaftig, zu sehr die Wirklichkeit! Und wenn die nicht weichen, dann fahre ich hier nicht mehr hin, auch wenn es mir eigentlich irgendwie doch gefällt.

Neulich meinte mein Kindthierchen, es wolle seine eigene Nacktheit nicht den anderen Menschen zumuten, daher käme FKK niemals in Frage. Außerdem wären da nur alte Menschen. Womit das Kindthierchen Recht hat. Die Alten waren früher aber ebenfalls jung, frisch und frei und brachten die Unbeschwertheit der hüllenlosen Siebziger nach München und machten den Eisbach im Englischen Garten berühmt. Leider halten sie als letzte die Fahnen dieser Errungenschaft hoch und bewahren diese mit ihren sich mit den Jahren verändernden nackten Körpern.

Das scheinen wir nicht immer ertragen zu können, möglicherweise, weil wir damit mit unserem eigenen Verfall, unserem Alter und unserem Altern konfrontiert werden. Wenn schon alt oder fett, oder sonstwas, dann bitte anständig verhüllt!

Wer sich heutzutage in unserer doch eigentlich aufgeklärten Gesellschaft noch nackt zeigt, mutet allen anderen etwas zu, was nicht mehr sein darf! Und provoziert darüber hinaus möglicherweise seine eigene Unversehrtheit. Unsere freie Gesellschaft, die Kinder, die in diese hineingeboren wurden, scheinen sich wieder zu verhüllen, das Pendel scheint zurückzuschlagen, wie bedauerlich!

Auf dem Facebookprofil Before Sharia Spoiled Everything von Emrah Erken dokumentieren Fotos bis etwa zum Beginn der 1980 er Jahre die säkularen Gesellschaften in muslimisch geprägten Ländern. Wir sehen Bilder von fröhlichen, freizügigen, aufgeklärten Menschen. Vergleiche ich diese Bilder mit aktuellen Fotos aus diesen Regionen, dann frage ich mich, ob es nicht an der Zeit ist, dass gerade die Jüngeren in unserer Gesellschaft diese Offenheit viel mehr zu schätzen wissen, diese leben und verteidigen!

Ich fahre weiterhin in die Stadt der Nackten, ich präsentiere mich weiterhin und schaue weiterhin alle Menschen, die sich dort wohlfühlen gerne und mit Freude an. Ich mag dieses am Aussterben zu scheinende freie Lebensgefühl und ich möchte auch weiterhin an diesem Treiben teilhaben, auch wenn ich eines Tages eine hässliche Nackte sein werde.