Hätten Menschen mit Vorerkrankungen früher geschützt werden müssen – eine Anregung zur Diskussion

Wenn ich mich im Bekanntenkreis umhöre, kenne ich fast nur Menschen, die ihrerseits jemanden kennen, der sich mit dem Virus infiziert hat und allenfalls über leichte Symptome klagt.

Diese Informationen berechtigen durchaus, die derzeitigen Maßnahmen mit allen gravierenden Freiheitsbeschränkungen, kritisch zu hinterfragen. Betroffen von den lebensbedrohlichen Folgen einer COVID-19 Infektion sind ja meistens die älteren Menschen, Vorerkrankte, oder diejenigen, auf die beide Merkmale zutreffen.

Kurz vor den Osterfeiertagen berichtete unser Nachbar am Telefon, sein Bruder, 70 Jahre alt und chronisch Lungenkrank, liege infiziert auf der Intensivstation im künstlichen Koma und würde beatmet. Sein Zustand sei sehr kritisch, eine Besserung seit Tagen nicht in Sicht, man könne nur noch hoffen. Unser Nachbar traut sich inzwischen nicht mehr aus dem Haus, unsere Angebote, Besorgungen für ihn zu übernehmen, nimmt er aus Angst vor einer eigenen Ansteckung und den gesundheitlichen Konsequenzen nicht an. Falls wir gleichzeitig den Briefkasten leeren wollen, was schon häufiger vorkam, zieht er sich sofort in seine Wohnung zurück und wartet, bis das Treppenhaus wieder leer ist.

Tragischer Einzelfall?

Die gesamte Tragik dieses Falles wird deutlich, wenn man den wahrscheinlichsten Infizierungsweg annimmt: Der Sohn des Bruders scheint sich bei seiner Arbeit als Paketzusteller infiziert zu haben – dass er täglich einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt ist, liegt auf der Hand. Eine Infizierung der Eltern hätte durch wiederkehrende Testungen des Sohnes, eine räumlichen Trennung und strikte Hygiene möglicherweise verhindert werden können.

Im Zuge der Diskussionen um die Lockerung der Maßnahmen wird derzeit diskutiert, vorrangig die Risikogruppen zu schützen und nicht mehr das gesamte Gesellschaftsleben herunter zu fahren. Und Stimmen werden lauter – es trifft ja eigentlich nur die, die in ein paar Tagen oder Wochen sowieso gestorben wären. Mit 70 Jahren zählt man in unserer Gesellschaft sicherlich zu den älteren Menschen, zu den sehr Alten jedoch noch nicht. Mit 70 hat man auch als Vorerkrankter häufig erst einige Jahre seines Rentnerlebens gelebt und stellt sich, vertrauend auf ein solides gesundheitspolitisches Fundament, auf viele weitere Jahre mit guter Lebensqualität ein.

Lange wurde die vulnerable Bevölkerung nicht geschützt

Noch im Januar verkündete Gesundheitsminister Spahn, die Infektion mit dem neuartigen Virus verliefe vergleichsweise milder als die jährlichen Grippeinfektionen, eine Gefahr für die Gesundheit unserer Bevölkerung sei weiterhin gering. Erst Ende Februar musste Spahn dann einsehen, dass Deutschland am Beginn einer Epidemie stehe, Maßnahmen müssten allerdings stets verhältnismäßig sein. Noch am 14. März bezeichnete das Gesundheitsministerium Gerüchte als Fake News, wonach die Bundesregierung weitreichende Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens plane. Einige Tage später erfolgten dann bundesweit drastische Einschränkungsmaßnahmen.

Inzwischen gibt die Situation des Bruders weiterhin wenig Anlass zur Hoffnung, mit dem Schlimmsten ist zu rechnen. Ob sich die Familie von ihm verabschieden kann, ist ungewiss.

Wie sehr sich dieses Durchlavieren des Gesundheitsministeriums auf die Gesundheit der Bevölkerung, besonders die der Risikogruppen auswirkte, sollte rückblickend untersucht werden.

Juristische Prüfung und Konsequenzen

Hätte der Bruder meines Nachbarn besser geschützt werden können, wenn die Bundesregierung bzw. die Länder frühzeitige Vorkehrungen zum Schutz der besonders vulnerablen Bevölkerungsgruppen in Form von ausreichender Schutzkleidung und Testungen, statt überstürzter und möglicherweise zu spät erfolgter unverhältnismäßiger Maßnahmen mit gravierenden ökonomischen Folgen eingeleitet hätten? Das Szenario einer weltweiten Pandemie und die möglichen Folgen sind der Bundesregierung immerhin seit 2012 bekannt. Dies zu prüfen im Zuge einer Sammelklage im Namen der Betroffenen gegen Verantwortliche wegen fahrlässiger Körperverletzung / Tötung sollte Aufgabe von couragierten Juristen und Medien sein.

Justizrechtliche Konsequenzen können weder die Verstorbenen zurück ins Leben holen, noch schwerstbehinderten Überlebenden der intensivmedizinischen Maßnahmen ihre frühere Lebensqualität zurückbringen. Auch das Leid der Angehörigen, die Schuldgefühle, für den Tod von Familienangehörigen durch Weitergabe des Virus verantwortlich zu sein, kann eine Verurteilung einzelner Politiker oder anderer Verantwortlicher nicht mildern. Aber sie könnte für Gerechtigkeit sorgen, zukünftiges Leid durch schnelleres Handeln verhindern und Verantwortungsträger unserer Gesellschaft wieder an ihre Kernaufgaben ermahnen.

Der Sohn wartet trotz seiner COVID 19-Symptomatik und des eindeutigen Virusnachweises bei seinem Vater bis heute auf sein Testergebnis. Mehrmalige Nachfragen beim zuständigen Gesundheitsamt hatten bisher nur die Aussage zur Folge, dass ihm ein positives Ergebnis schon längst mitgeteilt worden wäre. Seit Dienstag nach Ostern geht er wieder arbeiten.