Familie

Meine Oma

Gedanken zum Andenken an eine wunderbare Frau angesichts derzeitiger Debatten über Nazi- und Umweltsäue

Am 08.02.2020 würde meine Oma 103 Jahre alt. Ein wahrhaft hohes Alter, das sie nicht erreicht hat, immerhin wurde sie 92 und das mit einem bis zuletzt klaren Geist bei einem immer schwächer werdenden Körper – der Lauf des Lebens eben.

Geboren wurde meine Oma im Jahr 1917, ein Kriegskind. Über ihre Mutter weiß ich nicht viel, über ihren Vater noch weniger – er fiel im Ersten Weltkrieg, noch bevor meine Oma geboren wurde.

Ihre Eltern waren nicht verheiratet, vielleicht hatten sie es vor, ein Kindchen war ja unterwegs. Möglicherweise wurden in den Kriegen viele Kinder gezeugt, fern jeder gesellschaftlichen Moral: Man sah sich selten, der Tod oder die Versehrung lagen immer bedrohlich über den Liebenden, eine kurze Zeit der Nähe spendete sicher Trost, gab Geborgenheit und vielleicht auch eine kurzzeitige Freude…

Meine Oma sprach immer sehr gut über die Familie ihres Vaters, die sich der nicht angeheirateten Frau mit ihrem Kindchen nach dem Tod des Sohnes ganz selbstverständlich annahm, ohne die Schwiegertochter jemals zuvor gesehen zu haben – dieser Gedanke berührt mich während ich dies schreibe sehr.

Und jedes Jahr nahm die Mutter die weite Reise auf sich, um der Tochter die Gemeinschaft in dieser kinderreichen Vaterfamilie zu ermöglichen. Und meine Oma sprach stets voller Dankbarkeit von ihrer Mutter – die Vaterfamilie war ein fester Bestandteil im Leben meiner Großmutter, bis zu ihrem Tod.

Die Mutter arbeitete in der ortsansässigen Fabrik in Neusalz an der Oder, damals Schlesien, heute gehört die Stadt Nowa Sól zu Polen. Meine Oma wurde von klein auf im Kinderheim der Fabrik versorgt, bis die Mutter ihren Dienst versehen hatte. Geschwister sollte meine Oma nicht bekommen, die Mutter blieb alleine.

Nie hörte ich meine Oma über ihre Kindheit klagen, kein böses Wort über die Mutter, kein Klagen über Vernachlässigung. Freunde der Tochter waren stets willkommen, die Mutter förderte dies, konnte sie doch mit einer geschwisterlichen Gemeinschaft zuhause nicht dienen. Um dem Kindchen die Zugehörigkeit zu einer Familie zu ermöglichen, zählten auch oben erwähnte jährliche Reisen in die Oberlausitz zur Familie des Vaters.

Meine Oma war zeitlebens ein sehr geselliger und sehr positiver, fröhlicher Mensch, auch in den dunklen Zeiten, die sie noch erleben sollte.

Neben der Gemeinschaft der Vaterfamilie ermöglichte ihre Mutter ihrer Tochter eine sehr gute Schulausbildung: Meine Oma machte Mitte der 1930 er Jahre Abitur. Sie war eine kluge, gebildete Frau, die nie Aufhebens darum machte, sondern stets mit großer Dankbarkeit darüber sprach, dass sie so viel lernen durfte.

Ja, Lernen, Neues erkunden, Lesen, Fremdes entdecken – das waren Leidenschaften meiner Oma, die sie sich bewahrte bis ins hohe Alter.

Meine Oma wollte Lehrerin werden, sie hatte einen Studienplatz im Seminar in einer entfernten Großstadt. Dann erkrankte die Mutter und meine Oma wollte sie nicht alleine lassen. Daher wurde sie Erzieherin, diese Ausbildung konnte sie mit der Pflege der Mutter vereinbaren. Nie hörte ich Worte des Bedauerns, dass sie nicht die Ausbildung machen konnte, die sie sich wünschte. Zeit ihres Arbeitslebens war es mir geläufig, dass sie liebevoll von großen und kleinen menschen in ihrem Heimatort als „Tante Else“ angesprochen wurde.

Über das Leben im Nationalsozialismus berichtete meine Oma überwiegend positiv, von der Verfolgung und Vernichtung von Menschen im eigenen Land erzählte sie im Nachhinein stets fassungslos, verstand es nicht, konnte es nicht mit dem Erleben ihrer damaligen Wirklichkeit vereinbaren :

So liebte sie die Versammlungen und Veranstaltungen des Bundes Deutscher Mädchen (BDM), den Aufstieg Hitlers und seiner Regierung betrachtete sie als Glück für ihre Land, den wirtschaftlichen Aufschwung als Segen für sich und ihre Mitmenschen. Lange war sie von der Notwendigkeit des Krieges überzeugt und auch davon, dass alles gut ausgehen würde. Ihr zukünftiger Mann hatte eine ebensolche Einstellung, früh war er aus eigenem Entschluss in die Partei eingetreten. Erst bei einem seiner letzten Heimatbesuche sollte er meiner immer noch vom Sieg und der guten Sache überzeugten Oma sagen, er wolle nie mehr etwas über einen Sieg und einen guten Krieg hören, das sei alles nicht so, wie sich meine Oma das vorstellte. Später sollte meine Oma ihren Enkelkindern einen Brief über die Kriegsgeschehen schreiben, in dem sie diese Zeit differenziert betrachtete und ihren Enkeln wünscht, dass diese nie einen Krieg erleben müssen.

Ihren Mann lernte meine Oma bereits mit etwa 17 Jahren kennen, lieben erst Jahre später, zuvor verband sie eine Freundschaft. Gewünscht hatte sich meine Oma eine große Familie mit vielen Kindern, zwei sind es dann nur geworden, mehr Zeit hatten meine Großeltern nicht miteinander.

Mein Vater wurde im Jahr 1941 als erstes Kind geboren, Erinnerungen an seinen Vater hatte er kaum, sein Vater wurde bald in Russland eingesetzt. Einige Male kam er zum Urlaub nach Hause zu seiner kleinen Familie, während eines Fronturlaubs wurde die Schwester meines Vaters gezeugt. Ihre Geburt im Jahr 1943 erlebte er nicht mehr.

Meine Oma berichtete selten über diese Zeit, lange habe sie die Meldung über den Tod ihres geliebten Mannes nicht glauben können. Ihrer bald darauf geborenen kleinen Tochter wird sie einen fröhlich klingenden Namen geben, sie wollte damit in dieser schweren Zeit sich und ihren Kindern ein Zeichen der Hoffnung geben.

Irgendwann kam die Nachricht, der Russe stehe vor der Tür und dass Frauen und Kinder möglichst schnell fliehen sollten. Meine Oma erzählte, sie glaubte zu dieser Zeit immer noch daran, dass die Deutschen siegen würden, daher betrachtete sie ihren Auszug eher als eine vorübergehende Episode und zögerte diesen so lange hinaus, bis es fast zu spät gewesen wäre. Sie war lange überzeugt, dass sie in ihre Wohnung in Neusalz zurückkehren würde.

So machte sie sich nur mit dem Nötigsten, ihrer herzkranken Mutter, Gepäck auf dem Rücken, einem Kleinkind an der Hand und einem Säugling im Kinderwagen auf den Weg. Ihr Ziel: Die Oberlausitz. Schutz finden bei der Familie des nie gekannten Vaters.

Doch der Zug sollte sie nicht sofort in die Oberlausitz fahren, der erste Halt wurde Bad Mitterndorf in Österreich, hier sollte die kleine Familie einige Zeit verbringen, mein Vater erlernte zunächst den österreichischen Dialekt. Von dieser Zeit berichtete meine Oma mir nicht viel, die Einquartierung der Flüchtlingsfamilien war für die hiesige Bevölkerung nicht einfach, genauso wie für die Geflohenen. Aber man rückte zusammen, meine Oma war sicher eine dankbare Aufgenommene. Bis in die Gegenwart reiste meine Tante mit ihrer Familie nach Bad Mitterndorf in den Skiurlaub.

Aber auch der nächste Transport brachte meine Oma nicht an ihr gewünschtes Ziel, Endstation war erst einmal ein kleiner Ort in Nordhessen. Diesen sollte meine Oma nicht mehr verlassen, da die Ostzone nach Kriegsende russisch besetzt war. Meine Oma zog es vor, in der amerikanischen Zone zu bleiben.

Viele Jahre harter Arbeit lagen vor der immer noch jungen Frau:

Vollzeitig arbeiten, Kinder alleine großziehen, die kranke Mutter bis zu deren Tod pflegen und versorgen. Das alles bewältigte meine Oma ohne sich zu beschweren, auch wenn sie wahrscheinlich viele Jahre der Trauer und der Traurigkeit durchlebte.

Als Kindergärtnerin (was für ein schöner Begriff – die Berufsbezeichnung „Erzieherin“ gab es damals noch nicht) war meine Oma immer sehr beliebt, sie sah neben ihren eigenen Kindern viele Menschen aus ihrer Stadt groß werden und wann immer wir zu Besuch bei ihr waren, traf sie stets (erwachsene) Menschen, die immer von ihrer Kindergartenzeit bei der „Tante Else“ schwärmten.

Meine Oma führte ein bescheidenes Leben, sie hatte stets gerne Gesellschaft um sich und freute sich, als sie vom Dachgeschoss des dreistöckigen Mietshauses in den ersten Stock ziehen konnte, diese Wohnung hatte ein Zimmer mehr: Das Mittelzimmer. Ein Zimmer nur für die vielen Besucher, die meine Oma immer wieder mit Freude beherbergte.

Ihre Kinder wurden groß, sie gründeten eigene Familien, neben mir hatte meine Oma noch drei weitere Enkelkinder. Daneben hatte sie, als ihre eigenen Kinder im Jugendalter waren, noch zwei Ziehtöchter aus dem weiteren Familienkreis aufgenommen, damit deren junge Eltern mit ihrem Studium fertig werden konnten. Die Mädchen sollten bis zum Schuleintritt bei ihr groß werden, die Trennung von ihr muss sehr schmerzlich gewesen sein, eine herzliche Verbindung besteht bis heute.

Schon immer war meine Oma im Rahmen ihrer Möglichkeiten gerne gereist, mit ihrem Mann, lange bevor sie verheiratet waren, unternahm sie gerne mehrtägige Fahrradtouren, nach dem Krieg besuchte sie im Austausch Familien in der französischen Partnerstadt ihres Wohnortes und erhielt im Gegenzug französischen Besuch zur Stärkung der deutsch-französischen Freundschaft.

Auch nach Polen, nach Nowa Sól fuhr meine Oma später immer wieder. Der Familie, die dort in ihrer früheren Wohnung lebte, begegnete sie herzlich und ohne Groll. Es entwickelte sich eine beständige Freundschaft mit gegenseitigen Besuchen.

Stets war sie sparsam, kochte Obst und Gemüse, das sie in ihrem kleinen Garten hinter dem Haus anbaute, ein – im Keller stand ein großer Schrank, der immer wieder mit Einmachgläsern aufgefüllt wurde. Meine Oma stopfte ihre Strümpfe, ihre Garderobe war appetitlich-bescheiden, ihre Möbel hatte sie solange ich sie kenne, nur einmal wurde die Couchgarnitur erneuert. Meine Oma fuhr Fahrrad oder ging kürzere Strecken zu Fuß. Solange der Schienenbus fuhr, benutzte sie ihn für Fahrten in die größere Stadt.

Erst im Rentenalter, mit einer sehr bescheidenen Rente, entdeckte meine Oma ihre Liebe für das Fernreisen – eine Freundin ermöglichte ihr das Reisen als ihre Reisebegleiterin – ein Gewinn für beide Damen. So lernte meine Oma auch noch andere Kontinente kennen, ihre Wohnung zierten viele Mitbringsel aus fernen Ländern, Besucher fütterten ihr „Reiseschwein“ immer mit größeren oder kleineren Geldbeträgen. Meine Oma freute sich darüber. Nie war sie zu stolz, um Unterstützung in späteren Jahren für ihre Reisen von ihr lieben Menschen abzulehnen. Ihr Leben und das ihrer Familie bestritt sie immer aus eigener Kraft und eigenen Mitteln.

Meine Oma war zeitlebens eine unabhängige und selbständige Frau. Nie wieder sollte sie nach ihrem Mann mit einem anderen Mann zusammen sein. Ihm sollte sie sich immer verbunden fühlen. Sein Foto hing stets über ihrem Bett, mit diesem Foto in ihren Händen sollte sie nach ihrem Tod verbrannt werden.

Nie hörte ich meine Oma klagen, auch in späteren Jahre nicht, als ihre Wirbelsäule krummer wurde und schmerzte. Den Rollator betrachtete sie als willkommenes Hilfsmittel, um weiterhin Spaziergänge unternehmen zu können, ihre Enkel setzte sie bei diesen Spaziergängen gerne auf die Ablage des Gehwagens, sehr zu deren Freude.

Ihre Unabhängigkeit kostete meine Oma möglicherweise auch ein paar Jahre ihres Lebens: Als sie die 80 weit überschritten hatte, fiel ihr das selbständige Versorgen immer schwerer. Alles Bitten und Drängen Ihrer Kinder, in ein Betreutes Wohnen zu wechseln, das Besichtigen verschiedener Einrichtungen, nützte nichts, sie wollte in ihrer Wohnung bleiben. „Das hat ja noch Zeit“ – meine Tante konnte das irgendwann nicht mehr hören.

Ihre Sturheit (von der ich sicher einiges geerbt habe) hatte zur Folge, dass sie dann irgendwann recht überstürzt in eine Pflegeeinrichtung umziehen musste, Betreutes Wohnen kam nun nicht mehr in Frage. Sie kam übergangsweise in ein Zweibettzimmer, meine Oma wünschte es solange sie dort war, nicht mehr anders.

Die Gesellschaft der Mitbewohnerin war ihr sehr wichtig. Rückblickend kann ich mir auch eine Unterbringung meiner immer an anderen Menschen intertessierten Oma in einem Einbettzimmer nicht gut vorstellen.

Schnell schien meine Oma nun zu vergehen. Letztendlich versagte ihre zeitlebens empfindliche Lunge, meine Oma verstarb an den Folgen einer Lungenentzündung. Sie war, das war ihr großer Wunsch, nicht allein, auch wenn sie nicht in ihrer geliebten Wohnung versterben konnte. Immer waren Familienmitglieder um sie. Ich habe ihre letzte Woche als eine Art Familienzusammenkunft in Erinnerung, sie verabschiedete sich von allen. Nie werde ich vergessen, dass sie, als das Ende sehr nah schien, meine Hand drückte, ich drückte ihre, dann wieder sie meine… So ging das länger hin und her, unser Abschied voneinander. Ihre Tochter war bei ihr, als sie ging.

Inzwischen sind mehr als zehn Jahre vergangen, das Grab meiner Oma wurde letztes Jahr aufgelöst. Ihre Grablaterne steht nun auf dem Grab ihres inzwischen verstorbenen Sohnes – meines Vaters.

Meine Oma ist nicht wirklich weg, sie lebt weiter in meinem Gedanken, in den Erinnerungen, die ich mit meinen Kindern und mir nahen Menschen über sie austausche, den Bildern die ich von ihr vor meinem inneren Auge oder in Form von Fotos habe. Ich bin ihr in vielem sehr ähnlich – sowohl von der Physiognomie, als auch vom Wesen. Auch meine Berufswahl ist der ihren ähnlich. Wir waren uns immer sehr verbunden, sie war mein Fixpunkt, meine Bezugsperson. Ich habe sehr viel von ihr gelernt und habe sie immer bewundert:

Ihren Mut, ihre selbstlose unprätentiöse Art, ihr praktisches Denken und Handeln, ihre gelebte Nächstenliebe, ihre Aufgeschlossenheit, ihre kindliche Neugierde, ihren Humor, ihre Fröhlichkeit, ihren Rat, ihre Liebe – all das hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. In ihrem Andenken habe ich meine Kinder großgezogen und in diesem lebe ich mein Leben.

Herkunft, Bildungsgrad, Zertifikate und Titel. All das wertete eine Person in den Augen meiner Oma weder auf noch ab. Sie hatte keine Scheu vor Titeln, ließ sich nicht blenden oder beeindrucken, sie sah stets die Menschen dahinter.

Weder meine Oma, noch ich, noch meine Kinder – niemand – kann sein Hineingeborenwerden in eine bestimmte Zeit beeinflussen. Wir waren und sind Kinder dieser Zeiten, geprägt von den jeweilig vorherrschenden Werten im gesellschaftspolitischen und kulturellen Kontext und den äußeren Bedingungen, die zu diesen Zeiten herrschten. Wer sind wir, die wir in unsere heutige Zeit geboren wurden, dass wir uns anmaßen zu urteilen und werten über die Einstellung und Moral der Menschen in früheren Zeiten?

Dass viele in unserer Gesellschaft sich in ihrer Arroganz als moralische Instanz über unsere Groß- und Urgroßeltern erheben, sie vielleicht sogar verurteilen, finde ich unverständlich.
Das kann man sich nur in einer Gesellschaft erlauben, in der
-man (noch) alles sagen darf
-unsere Gesellschaft (noch) friedlich zusammenlebt
-unsere Wirtschaft (noch) größtenteils ein sicheres Fundament bildet
-dieses Fundament (noch) die Grundlage unseres Sozialstaates ist.

Hier wäre meiner Meinung nach Demut angemessen, dankbar dafür zu sein, in eine gute, freie Zeit geboren worden zu sein und Verständnis aufzubringen für die Situation der Menschen, die in eine andere Zeit geboren wurden. Unsere heutige freie Gesellschaft zu schützen und zu bewahren, statt sich moralisch über andere zu erheben, das wäre vielmehr das Gebot.

Meine Oma war eine wunderbare Frau. Eine Nazisau war sie nie.