Nicht – mehr – mit mir!

  • Beitrags-Kategorie:Alltagsbewältigung
  • Lesedauer:8 min Lesezeit
Nicht – mehr – mit mir!

Nun hat also der Deutsche Ärztetag die Empfehlung ausgesprochen, zeitnah eine Impfstrategie für Kinder und Jugendliche zu entwickeln, da auch sie deutliche gesundheitliche Risiken infolge einer SARSCoV-2-Erkrankung hätten und eine Herdenimmunität daher nur durch eine Impfung und nicht infolge überwundener Krankheit zu erreichen sei. Da sich der Ärztetag mit dieser Empfehlung also für eine zügige Durchimpfung von (jungen) Kindern und Jugendlichen ausspricht, ist es nur folgerichtig, dass diese Empfehlung zwar auch im Hinblick auf ein Recht auf Bildung sowie eine Normalität und Konstante im Leben unserer Kinder ausgesprochen wird, dennoch halte ich es für sehr bedenklich, in Betracht zu ziehen, dass ein Recht auf Bildung ab Herbst 2021 nur noch abhängig von einer Impfung betrachtet werden soll. Aus Sicht einer Mutter, Erzieherin und Sozialpädagogin halte ich das für unverantwortlich.

Als Pädagogin schaue ich schon länger mit Sorge auf die Kinder und die Jugendlichen, die meiner Ansicht nach eine Gruppe ausmachen, die vielleicht neben den Menschen, die in Pflegeheimen betreut werden, eine der Hauptleidtragenden der Coronamaßnahmen ist. Nun gibt es immer wieder Stimmen von Eltern und Fachleuten mit Aussagen, dass die Kinder das schon prima schaffen, die Masken im Unterricht zu tragen, sich mehrfach wöchentlich im Unterricht zu testen, kurz: sich an die vorgegeben Regeln zu halten. Das mag vordergründig so sein – Kinder können sich sehr gut anpasse – sich anpassen kann eine Überlebensstrategie sein, die zunächst sehr wirksam ist. Jedoch wissen wir noch wenig über eventuell bleibende seelische Verletzungen. Die Universität Witten/Herdecke erfasst auftretende Nebenwirkungen durch das Tragen einer Maske bei Kindern durch, hier geht es zur Website. 66% der teilnehmenden Eltern berichten von Nebenwirkungen, am häufigsten geäußert treten auf „Gereiztheit (60 %), Kopfschmerzen (53%), Konzentrationsschwierigkeiten (50 %), weniger Fröhlichkeit (49 %), Schul-/Kindergartenunlust (44%), Unwohlsein (42 %) Beeinträchtigungen beim Lernen (38 %) und Benommenheit/Müdigkeit (37%). Zudem haben 25 % der Kinder neue Ängste entwickelt. Diese Symptome spiegeln womöglich die Gesamtsituation der Kinder wieder und sind nicht notwendigerweise allein durch die Maske verursacht.“
Das Poster zur Studie findet sich hier.

Auch wenn ich mit der Empfehlung der Studienerheber, Eltern und Pädagogen sollten eine positive Einstellung zum Tragen von Masken zeigen, um den Kindern das Tragen zu erleichtern, nicht konform gehe, halte ich diese Untersuchung für sehr wichtig, denn dass das Tragen von Masken, vor allem von FFP2-Masken über einen längeren Zeitraum zu Nebenwirkungen, wie Konzentrationsschwäche oder Kopfschmerzen führt, hat wahrscheinlich schon jeder selbst erleben können.

Was mir jedoch sehr große Probleme bereitet, ist der Umgang im Allgemeinen mit unseren Kindern. Durch die Betrachtung von Kindern als potentielle Gefährder wird ihnen eine schwere Last aufgebürdet. Wer Kinder aufwachsen sieht, weiß, dass sie im Kindergartenalter eine magische Phase durchleben, Kinder leben dann in ihrer eigenen magischen Welt, in der sie zwischen guten und bösen Personen und Geschehnissen differenzieren. Ebenso durchleben sie eine egozentrische Phase – sie beziehen alles auf sich, denn sie müssen sich mit sich selbst auseinandersetzen, um ihre Umwelt und ihren Platz in ihrer Umwelt erfahren und definieren zu können. Ein Kind, das lernt, eine potentielle Gefahr zu sein, das möglicherweise auch mitbekommt, dass Bekannte oder Verwandte krank werden, im schlimmsten Fall sogar gestorben sind, wird voraussichtlich große Schuldgefühle entwickeln. Wenn ein Ministerpräsident Söder auf die Frage eines 10-jährigen Mädchens ob sie jemals wieder mit einem Banknachbarn in der Schule werden sitzen können antwortet: „(…) Wenn wir einfach nur nebeneinander sitzen und die Regeln nicht beachten, dann stecken wir uns vielleicht untereinander an, und Kinder und junge Jugendliche haben selber weniger Symptome, aber das kann schon am Ende den Tod bedeuten im schlimmsten Fall für Eltern oder Großeltern oder auch Urgroßeltern. (…)“ siehe hier und hier, halte ich das für unempathisch und unverzeihlich. Ich verlinke hier übrigens auch die Seite von Correctiv, obwohl ich von der Organisation nicht viel halte. Aber dieser sogenannte Faktencheck veröffentlicht den gesamten Wortlaut von Söders Antwort auf die Frage.

Die Zahl der körperlichen und seelischen Schäden bei Kindern durch den Lockdown sind erheblich gestiegen, nachzulesen beispielsweise hier und hier. Im Wiener AKH ist die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie überfüllt, hier müssen die Ärzte triagieren, wer tatsächlich akuten Bedarf hat und welcher Bedarf nachrangig behandelt werden kann.

Und wurde also bei der jährlichen Hauptversammlung der Bundesärztekammer eine Empfehlung ausgesprochen, auch Kinder zügig in einen Impfplan einzubinden damit auch sie zeitnah gegen Covid 19 geimpft werden können, hier der komplette Wortlaut des Beschlusspapiers I-19:

TOP I Gesundheits-, Sozial- und ärztliche Berufspolitik:
Leitantrag zu Lehren aus der COVID-19-Pandemie
Titel: Notwendige COVID-19-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche 2021/2022


Beschluss
Auf Antrag von PD Dr. med. Stephan Böse-O’Reilly, Melissa Camara Romero, Dr. med. Roland Freßle, Dr. med. Florian Gerheuser, Dr. med. Andreas Hellmann, Dr. med. Andreas Hölscher, Dr. med. Tilman Kaethner, Dr. med. Heidemarie Lux, Dr. med. Robin T. Maitra, Matthias Marschner, Dr. med. Irmgard Pfaffinger, Dr. med. Christof Stork, Dr. med. Katharina Thiede, Julian Veelken, Dr. med. Gisbert Voigt und PD Dr. med. Birgit Wulff

(Drucksache I – 19) beschließt der 124. Deutsche Ärztetag 2021:

Der 124. Deutsche Ärztetag 2021 fordert die Bundesregierung auf, unverzüglich eine COVID-19-Impfstrategie für Kinder und Jugendliche zu entwickeln und vor Einsetzen des Winters 2021/2022 umzusetzen. Dazu gehört es u. a.,

  • die Forschung zu Impfstoffen für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sofort und nachhaltig mit ausreichenden finanziellen und organisatorischen Maßnahmen zu fördern,
  • hinreichend adäquate Impfstoffe zu bestellen und zeitnah auszuliefern,
  • proaktiv mediale Kommunikation für die Impfung von Kindern und Jugendlichen vorzubereiten und umzusetzen sowie
  • Kinder- und Jugendärzte in Praxis, Klinik und Öffentlichem Gesundheitsdienst (ÖGD) und Hausärzte als Drehscheibe für Kommunikation und bei kurzfristiger Impfdurchführung zu unterstützen.

Begründung:
Ca. 14 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 16 Jahre und können mit den derzeit verfügbaren COVID-19-Impfstoffen nicht geimpft werden. Um in unserem Land eine Herdenimmunität gegen die SARS-CoV-2-Pandemie zu erreichen, muss diese Lücke unbedingt geschlossen werden.

Auch Kinder und Jugendliche haben deutliche gesundheitliche Risiken infolge einer SARSCoV-2-Erkrankung. Deshalb muss die Immunität auch für diese Gruppe durch eine Impfung und nicht durch eine Durchseuchung erzielt werden.

Das Recht auf Bildung mit Kita- und Schulbesuch kann im Winter 2021/2022 nur mit einer rechtzeitigen COVID-19-Impfung gesichert werden. Ohne rechtzeitige Impfung, insbesondere auch für jüngere Kinder, führt ein erneuter Lockdown für diese Altersgruppe zu weiteren gravierenden negativen Folgen für die kindliche psychische Entwicklung.

Die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe erlangen Familien mit Kindern nur mit geimpften Kindern zurück.

Der Ärztetag, als jährliche Hauptversammlung der Bundesärztekammer eine Spitzenorganisation der ärztlichen Selbstverwaltung, schießt hier meiner Meinung nach über sein Ziel hinaus und vielen Ärzten scheint das auch zu weit zu gehen. Sie fühlen sich von Teilnehmern dieses Ärztetages nicht mehr vertreten, unter dem Hashtag #nichtmeinerztetag finden sich kurze Statements dazu.

Jeder, der Angst vor einer ernstzunehmenden Erkrankung hat und diese Impfung als Segen empfindet, soll sich impfen lassen können. Jeder, der wieder reisen will, der seine Grundrechte wieder erlangen möchte und dies mit einer Impfung erreichen möchte, soll sich impfen lassen. Jeder, der meint, einen Dienst an der Gesellschaft zu tun, soll sich impfen lassen.
Aber nicht unsere Kinder, die sich der möglichen Tragweite noch nicht bewusst sein können! Und die in der Regel von einem ernsten Verlauf einer SARS-CoV-2 Erkrankung nicht betroffen sind! Unsere Kinder sollten als letztes geimpft werden, frühestens dann, wenn Studien zu Langzeitfolgen der Impfungen an Erwachsenen vorliegen oder an den Kindern, bei denen nach ausgewogener Risiko-Nutzen-Abwägung beschlossen wurde, sie zu impfen, da sie an gravierenden Vorerkrankungen leiden.

Das Recht auf Bildung und die psychische Stabilität von Kindern von einer Impfstrategie abhängig zu machen, weil sich nur so ein weiterer Lockdown verhindern lasse, halte ich für eine überhebliche und an der Wirklichkeit vorbeigehende Forderung. Ein erneuter Lockdown wird wahrscheinlich nicht von einer Durchimpfung der Kinder abhängig sein, wir werden mit dem Virus leben müssen und jeder sollte selbst entscheiden können, ob mit oder ohne Impfung.
Ich bin keine Impfgegnerin, bin nahezu gegen alles geimpft, auch meine Kinder haben alle empfohlenen Impfungen erhalten. Nur eine in meinen Augen nicht ausreichend lange erforschte neuartige Impfung an einer solch breiten Masse von Menschen und nun auch an Kindern anzuwenden, halte ich angesichts der überschaubaren gravierenden Folgen einer Erkrankung für fahrlässig und für unnötig.

Mir ist bewusst, dass das Thema Corona und besonders auch das Thema Impfen kontrovers diskutiert werden kann und auch sollte. Aber meine rote Linie ist mit dem Beschluss des Deutschen Ärztetages überschritten.
Unsere Kinder sollten Menschen haben, die sich beschützend hinter sie stellen, im Idealfall ihre Eltern, Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter!