Radlhauptstadt München

Radlhauptstadt München – Verkehrsplanung und Stadtentwicklung

Die Stadt München wächst. Derzeit leben in München schon über 1,5 Millionen Menschen, im Jahr 2040 sollen es 1,85 Millionen sein [siehe hier]. Die Stadt wird immer dichter, der Verkehr nimmt zu und die Stadt München forciert den Ausbau der Randgebiete zu Wohngebieten. Diese Entwicklung steht dem Ausbau des Radverkehrs sowie der Reduzierung des Autoverkehrs diametral entgegen.

Ich lebe und arbeite in München und ich lege seit Jahren nahezu alle Strecken in der Stadt mit dem Fahrrad zurück. Dass München sich seit einer groß angelegten Kampagne im Jahr 2010 als Radlhauptstadt bezeichnet [siehe hier], verfolgte ich zunächst recht amüsiert, das Vorhaben erschien mir sehr ambitioniert, vor allem weil ich das Radlfahern in München schon immer als Herausforderung beachtet habe.

Dennoch wurden in den letzten Jahren Radwege ausgebaut oder neu gebaut, Fahrstraßen in Fahrradstraßen umgewidmet, Einbahnstraße für Radfahrer beidseitig zugänglich gemacht. Fahrräder gelten als das urbane Fortbewegungsmittel der Zukunft, seit geraumer Zeit mit E-Untertsützung, der kleine Bruder E-Scooter ist ebenfalls auf dem Vormarsch. Ob dies der Sicherheit auf den Radwegen förderlich ist, soll hier nicht weiter diskutiert werden.

Ich lebe seit Beginn der 1990er Jahre in München und seit ich mich erinnere gibt es die Forderung, den gesamten inneren mittleren Ring von Autos zu befreien. Die Chancen dafür stehen derzeit gut, schließlich wird München aktuell von einer Koalition von SPD/Volt und Grüne/Rosa regiert.

Viele Argumente sprechen für das Fahrradfahren in München: München ist flächenmäßig überschaubar, in einer guten Stunde kann die gesamte Stadt durchquert werden, die lästige Suche nach einem Parkplatz entfällt, man spart sich die doch recht teure Fahrkarte für die öffentlichen Verkehrsmittel und ist auch noch in Bewegung. Ja, und es macht im Allgemeinen Freude, in München zu radeln, aber diese Freude wird zunehmend getrübt.

Stadt der Baustellen

Denn München ist auch die Stadt der Baustellen, am 03.06.2020 meldetet die Stadt München 73 Baustellen und drei Tunnelsperrungen [siehe hier].
Ein Großteil dieser Baustellen befindet sich in der Innenstadt, einige davon befahre ich täglich. Natürlich dienen manche Baustellen dem Ausbau der Radwege, inzwischen werden zunehmend mehrspurige Straßen zurückgebaut, damit eine Spur nur noch Radfahrern zugänglich ist. Dies soll vermutlich den Autoverkehr durch zunehmende Unattraktivität eingrenzen und langfristig reduzieren, ich bemerke eigentlich eher das Gegenteil: Vermehrt Staus, schlechte Luft, hitzige Gemüter sowohl im Auto als auch auf dem Radl.

Erziehende Verkehrsführung

In diesem Zusamenhang möchte ich kurz auf die neue Ampelschaltung in der Prinzregentensraße zu sprechen kommen:

Als Maßnahme zur Luftreinhaltung konzipiert, weist die Landeshauptstadt München daraufhin, dass die neue Ampelschatung vor allem in Berufsverkehrzeiten zu erheblichen Staus führen kann, daher werden Berufspendler gebeten, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen [siehe hier]. Nun muss man dazu wissen, dass die Prinzregentenstraße einer der Hauptzugangswege von der Autobahn in die Innenstadt ist und zwangsläufig gerade von den Pendlern befahren werden muss. Alternativen gibt es wenig.

Ob ein Pendler, der möglicherweise nicht (mehr) in München lebt, weil er sich eine Wohnung in der Stadt nicht leisten kann, bereitwillig in München dann auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigt? Oder gar die gesamte Strecke öffentlich zurücklegt? Dazu ist das öffentliche Verkehrsnetz in München meiner Ansicht nach von den Kapazitäten her nicht fähig. Ein Grund, warum ich lieber mit dem Rad fahre, ist der häufige Ausfall von U-Bahnen, immense Verspätungen und ein unwahrscheinliches Gedränge zu den Hauptverkehrszeiten. Nicht gerade eine Spielwiese für Menschen mit Platzangst oder diejenigen, die einfach ihren normalen sozialen Distanzradius (nach soziologischem Maßstab in der Regel eine Armlänge) wahrnehmen wollen.

Angeblich haben sich die schlechten Luftwerte schon verbessert [siehe hier], ich bin nicht sicher, denn Staus sollten sich doch eher negativ auf die Luftwerte auswirken – die Pendler sind jedenfalls berechtigterweise genervt [siehe hier].

An diesem Beispiel lässt sich erkennen, wie schwierig es für eine Stadt sein kann, eine ganze Verkehrsgruppe ausschließen zu wollen, damit eine andere Gruppe freue fahrt erhält.

Städtisches Wachstum contra Naherholung

Ein anderer Aspekt ist das zunehmende Wachsen der Bevölkerungszahlen in München, welches in einem großen Missverhältnis zum vorhandenen Wohnraum steht.

Derzeit steht, nachdem sie schon vom Tisch schien, die Neuaufnahme der SEM („städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen“) für München Nord, wieder aktuell auf der Agenda der neuen Stadtregierung. Nach München Freihamm, in diesem neuen Stadtgebiet sollen nach Fertigstellung 25.000 Menschen leben [siehe hier], erfolgte inzwischen eine Ausschreibung für München Nord-Ost, hier sollen einmal 30.000 Menschen Wohnraum finden [siehe hier]. Viele Landwirte hatten in den Jahren zuvor vergeblich gegen die faktische Zwangsenteignung durch den verpflichtenden Verkauf ihres Grundes an die Stadt zu Niedrigpreisen im SEM-Verfahren geklagt, inzwischen ist die Bebauung Nord-Ost beschlossen. Landwirte haben ihre Existenz, deren Kinder eine Zukunftsoption verloren – nicht jeder Münchner Landwirt wird gerne einen Neuanfang in Deutschlands Osten, dort sind die Möglichkeiten zum Grunderwerb noch gegeben, beginnen.
Ganz abgesehen davon, dass die regionale Landwirtschaft eine tragende und vor allem erhaltenswerte Säule sein sollte. Sie erscheint mir gerade auch in einer Stadt, deren aktuelle Regierung stets die Wichtigkeit von Nachhaltigkeit und Klimaschutz betont, sogar eine Säule zu sein, die ausgebaut werden sollte. Wohnraum schafft keine regionale Versorgung, auch wenn immer mehr Menschen vielleicht schon den nächsten Supermarkt als Nahversorger betrachten…

Nun soll München also demnächst auch Richtung Nord-Westen weiterwachsen, geplant sind 20.000 neue Einwohner [siehe hier]. Neben der Tatsache, dass gerade der Großstädter Grünflächen zur Erholung braucht und damit auch Sichtachsen erhält, die nicht durch große Wohnsiedlungen unterbrochen werden, betrachte ich die Entwicklung im Hinblick auf die Verkehrslage in München sehr kritisch:

Nicht nur die Radlfahrer werden mehr

Ich wohne im Münchner Nord-Westen, nicht weit von dem SEM-bedrohten Gebiet. In den letzten Jahren wurde hier, wie auch in anderen bestehenden Stadtgebieten, flächendeckend nachverdichtet. Meine Erfahrung zeigt mir, dass ganz sicher nicht alle neu hinzugekommenen Bewohner ausschließlich das Fahrrad oder die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen – ganz im Gegenteil: Es staut sich, die Luft wird schlechter, die Straßen werden bedingt durch immer breitere parkende Autos immer schmaler und unsicherer für alle Verkehrsteilnehmer.

Aber München ist ja Radlhauptstadt: Schon jetzt werden es immer mehr Radlfahrer, obwohl der Autoverkehr in München nach meiner Erfahrung ebenfalls stetig wächst: Radwege werden teilweise ausgebaut, können aber den Anforderungen der verschiedensten Radfahrer nicht genügen:
Neben den „normalen“ Radlern finden sich immer mehr Lastenräder, E-Bikes, Kinderanhänger, E-Scooter, Skater und Inliner auf den Radwegen. Die Unfallgefahr wächst zunehmend, Radfahren bereitet mir immer weniger Freude. Und weil sich der Autoverkehr durch engere Straßen und die vielen Baustellen immer mehr staut, besteht auch hier zunehmend Unfallgefahr.

Entspanntes München, entspante Verkehrssituation

Ich bin gespannt, ob es in München irgendwann einmal gelingt, eine entspannte Verkehrssituation herzustellen, die alle Bewohner und Durchfahrenden zufriedenstellt. Eine Verkehrs- und Raumplanung müsste dies sein, mit einem gut ausgebauten und bezahlbarem Nahverkehrskonzept. Warum gibt es noch immer kein 1-Euro-Abo – könnte der Grund auch sein, dass unser öffentliches Netz einen immensen Zuwachs an Fahrgästen gar nicht aushalten würde?
Und könnte das Verkehrsnetz nicht so ausgebaut werden, dass auch das unbehinderte Autofahren in München immer noch möglich ist – wie wäre es, wenn Radstraßen und Autostraßen parallel zueinander verlaufen würden?

Derzeit stellt sich die Situation leider so dar, dass immer mehr Verkehrsteilnehmer immer weniger Rücksicht aufeinander zu nehmen scheinen. Aber, nicht jeder Autofahrer ist per se schlecht, wie auch nicht jeder Radfahrer per se der Gute ist.

München war einmal sehr gemütlich, ich kenne diese Gemütlichkeit eher aus Erzählungen, als dass ich sie selbst erlebt habe. „Leben und Leben lassen“, diese Maxime ist derzeit nur ein Nachhall aus vergangener Zeit. Und auch wenn sich München ‚Radlhauptstadt‘ nennt, sie ist es nicht. Eine Radlhauptstadt würde eine friedliche Koexistenz aller Verkehrsteilnehmer ermöglichen und durch attraktive Angebote einen persönlichen Mehrwert durch einen freiwilligen Umstieg auf das Rad schaffen. Intrinsische Motivation wird stets nachhaltigere Veränderungen schaffen. Wer nur durch auferlegte Zwangsmaßnahmen zum Umstieg auf das Rad oder öffentliche Verkehrsmittel genötigt wird, wird langfristig aus Opposition oder aus Trotz an Gewohntem festhalten, oder halbherzig umsteigen, mit kurzfristigem Erfolg. Dies gilt meiner Meinung nach nicht nur für den Straßenverkehr.