Undenkbar!

Undenkbar!

Undenkbar?

Sie saß schon lange am Fenster und blickte auf die schmale Straße hinunter. Fast schon hatte sie vergessen, dass auch sie dort schon spielte, oder sich auf dem Weg zur Schule oder zu einer Freundin befand. Aber das war in einer früheren Zeit. Es erschien ihr viele Jahre her, sie dachte auch nicht mehr so häufig daran, dass es früher zur Normalität gehörte, sich außerhalb des Lebraumes aufzuhalten. Damals hieß das noch „Wohnung“, aber die Behörde für Sprachgebrauch hatte die Neugestaltung einiger Sprachbegriffe angeordnet, im Sinne einer positiven Lebensgestaltung.

Seit die, die sie großzogen, nicht mehr dienend tätig waren, verbrachten sie die meiste Zeit damit, sich im Lebraum wohlzufühlen. Wohlfühlen war wichtig und wurde auch von der Gesundheitsbehörde verordnet. Da die wöchentliche „Wir essen was niemandem schadet-Ration“ heute geliefert werden sollte, waren die, die sie großzogen, damit beschäftigt, ihre „Fit im Lebraum“-Einheit zu absolvieren, denn eine geleistete Einheit für jedes Mitglied im Lebraum pro Tag war erforderlich, damit die Lieferung komplett zugeteilt würde, ansonsten müssten sie wieder auf ihre „Nicht nötig, aber darf auch mal sein“-Artikel verzichten müssen und sie wusste schon aus Erfahrung, dass die, die sie großzogen dann ein paar Tage schlechte Laune haben würden und noch weniger als sonst miteinander reden würden.

Schule – wie hatte sie nur daran denken können. Seit der großen Katastrophe gab es nur noch „Bilden macht Spaß“-Stunden, sie konnte einmal täglich wählen, welches Programm sie erhalten wollte, abhängig davon, in welcher Stimmung und in welcher Diversität sie sich gerade fühlte, wurden ihr dann kurze „Bilden macht Spaß“-Inhalte bereitgestellt. Der Spaß stellte sich jedoch nur selten ein, vielleicht lag das auch daran, dass sie in der alten Zeit gerne zur Schule gegangen war, gerne selbständig gelernt hatte, gerne Fragen gestellt hatte. Das selbständige Hinterfragen hatte die Behörde für Weiterentwicklung jedoch als gefährlich für die Entwicklung eingestuft, daher hatte sie nun viel Zeit, die sie am Fenster verbringen konnte.

Bücher und Zeitschriften wurden ebenfalls zugeteilt und zugestellt, der Inhalt ergab sich aus den „Bilden macht Spaß“-Einheiten. Die, die sie großzogen erhielten Zugang zu verschiedenen „Schöneres Erleben“-Serien. Hier bestimmte das Alter und die körperliche Fitness die Inhalte.

Vor langer Zeit nannte sie die, die sie großzogen noch Mama und Papa. Das wurde jedoch nicht mehr gerne gehört, da es eine zu festlegende Sprache war, die der neuen Diversität nicht mehr entsprach. Da mittlerweile die meisten Lebraumsysteme von behördlichen Lieferungen und Programmen abhängig waren, dienende Tätigkeiten wurden nur noch von wenigen Menschen verrichtet, gewöhnten sie sich schnell an die neue Sprachverordnung, da sonst eine Kürzung der Lieferung oder eine Programmänderung drohte.

Sie hatte ihr „Fit-im-Lebraum“-Programm für heute noch nicht absolviert und hörte nun die, die sie großzogen rufen, sie solle doch endlich mit dem Programm starten, in zwei Stunden werde das Zeitfenster für die Lieferung geschlossen und sie bekäme sonst ihre „Zuviel Zucker, aber wenig ist erlaubt“-Tafel nicht. Aber sie fühlte sich heute leer. Wie gestern und die vielen Tage zuvor auch schon. Und wenn sie ihre Zuckerundsoweiter-Ration nicht bekäme, was wäre dann schon…

Ihr Blick schweifte von der Straße ab und blieb am gegenüberliegenden Haus hängen. Dort sah sie es wieder. Das andere Wesen, das auch oft auf die Straße schaute. Heute würde sie ihre Hand heben, heute würde sie sich trauen. Aber das andere Wesen kam ihr zuvor, es hob seine Hand, es schien sie zu begrüßen. Langsam erwiderte sie die Begrüßung mit dem Gefühl, etwas sehr unerwünschtes getan zu haben. Fremde Kontakte waren seit der großen Katastrophe auf ein unbedingt nötiges Minimum reduziert worden und vertraute Situationen mit Unbekannten waren im Hinblick auf die Sicherheit und das Wohlbefinden der Menschen verboten worden.

Und dann war es da: Das Lachen des anderen Wesens, das sie sich so viele Tage schon ausgemalt hatte und sie lachte zurück. Sie schauten sich nur in die Augen und lachten sich an. Ihr Herz ging auf, sie fühlte sich in diesem Moment wieder lebendig, warm, und erinnerte sich an Sommertage im Grünen, rauschende Bäume, Baden im See, Eis-Essen im Stadtcafé, Feste feiern mit Freunden… Oh wie gerne hätte sie das andere Wesen in ihre Arme genommen, ein Gespräch unter Vertrauten, Gemeinsamkeiten entdecken…

…Ein verbotener Gedanke. Der sofort an die Behörde für förderliches Denken weitergeleitet wurde, sie hatte den erst vor einiger Zeit neu implantierten Chip ganz vergessen.

Eine Drohne landete kurz darauf vor ihrem Fenster, per Lautsprecher wurde sie aufgefordert sich sofort vom Fenster in den Lebraum zu begeben und eine neu zugewiesene Lektion „Bilden macht Spaß“ zu öffnen. Erschrocken ließ sie sich auf den Boden fallen, die, die sie großzogen kamen schimpfend in ihr Zimmer, sie öffnete resigniert ihre Lektion: „Sei immer ganz bei Dir, halte Dich rein und fein, dann wird der Lebraum Deine Freude sein“ und weinte stumme Tränen…

Schweißgebadet wachte sie auf, im ersten Moment verwirrt realisierte sie, es war ein Traum…

…und dann weinte sie echte Tränen und konnte nicht mehr aufhören.

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