Vielfalt und alle Möglichkeiten für jeden – tatsächlich?

Vielfalt und alle Möglichkeiten für jeden – tatsächlich?

Unsere Gesellschaft verändert sich zu einer Gesellschaft individuell persönlich Betroffener, die sich dazu berufen fühlen, im Namen der vermeintlich betroffenen Gruppen zu sprechen und zu agieren. Dies häufig auch noch finanziert durch staatliche Fördermittel.

Ich lese gerne und viel. Ich schreibe gerne Texte. Aber diese Gendersprache, der man nicht mehr entkommt, weil sie in alle Lebensbereiche eindringt, sei es beim Konsumieren von digitalen oder Printmedien – inzwischen wird die Pause des Gendersternchens auch beim Nachrichtenlesen immer mehr eingesetzt – bei Behördengängen oder beim Lesen von (Fach-) Büchern, regt mich zunehmend auf und lässt mich am Verstand einiger meiner Mitmenschen zweifeln. Nun gendert also auch der Duden korrekt, na darauf haben wir alle schon lange gewartet.

Professuren für Gender und Diversität müssen ja ihre Berechtigung haben

Ich habe es schon verstanden, die vielen Professuren für Gender und Diversität haben sicher ihre Berechtigung. Sicher, es ist unzweifelhaft richtig, hier unser Steuergeld zu investieren, es ist hier besser und wichtiger angelegt, als bei der Sanierung von Schulen, bei der Erstellung von effektiven Lehrplänen, die Lust auf das Lernen und das selbständige Denken über den Schulalltag hinaus machen. Nein, sich als einzigartig unter vielen und dennoch stets mit allen gleichbehandelt zu fühlen, das sollte schon einen gewichtigen Schwerpunkt in unserer Gesellschaft einnehmen!

Ich arbeite täglich daran, meine eigene Unzufriedenheit und Ungleichbehandlung als Frau zu reflektieren und zu würdigen, das bin ich den Professor Innen und Mitarbeiter Innen steuerlich geförderter Sozialprojekte schon schuldig, die sich täglich mit den Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft auseinandersetzen. Dass ich damit die tatsächlich geschehende Ungleichbehandlung in anderen, häufig archaisch geprägten Kulturen, die existenziell und häufig auch lebens- oder freiheitsbedrohende Situationen für Frauen bedeuten konterkariere, lasse ich dabei unbeachtet.
Dass unsere moderne Gesellschaft die Möglichkeiten, die sich beiden Geschlechtern bieten, ach Verzeihung, a l l e n Geschlechtern bieten, feiern könnte, dieses ewige miteinander Vergleichen hinter sich lassen könnte, diesen Gedanken werde ich auch sofort als unrechtmäßig aus meinen Gehirnwindungen verbannen!

Als Kind der 1970er Jahre, hineingeboren in eine unvermögende Mittelstandsfamilie mittleren Bildungsniveaus, wuchs ich hinein in eine Welt, die mir so viele Möglichkeiten zu bieten schien. Meine Freunde waren in der Mehrheit männlich, ich war ein mutiges Kind, gerne ein Mädchen, fühlte mich aber, soweit meine Erinnerung reicht, zu keiner Zeit eingeschränkt in meinen Möglichkeiten, weil ich weiblich war.
Die Entscheidung, einen kreativen und einen pädagogischen Beruf zu erlernen, traf ich selbständig, ich kann gut mit Menschen umgehen. Kinder wünschte ich mir schon, da war ich selbst noch ein Kind. Mit meinem Vater streunte ich durch die Wälder, ich kletterte öfter auf Bäume als mein Bruder, ich bin handwerklich begabt und repariere vieles in meinem Haushalt selbst.

Selbst betroffen?

Amüsanterweise fühlte ich mich das erste Mal als Frau ungerecht behandelt, als ich, schon lange im Berufsleben stehend, eine Arbeitsstelle in der Jugendhilfe antrat, in der mein Kollege mit identischer Ausbildung ganz offensichtlich vom Vorgesetzten bevorzugt wurde. Rückblickend würde ich diese Bevorzugung einerseits dadurch erklären, dass der Vorgesetzte diesem Kollegen einfach mehr zutraute als mir und das wahrscheinlich weniger mit meinem Geschlecht, als vielmehr mit meiner Person, beziehungsweise mit der zwischenmenschlichen Beziehung des Kollegen und des Vorgesetzten zusammenhing. Für eine Hausarbeit zum Thema Gendergerechtigkeit war dieses Thema jedoch ein Gutes und wurde mit sehr gut benotet (Punktabzug wegen des nicht durchgehenden Gebrauchs der genderneutralen Sprache).

Dieses Beispiel verdeutlicht mir, wie sehr die persönliche Befindlichkeit in diese Thematik verwoben ist: Ich werde, wenn ich nur genau suche, stets eine Gelegenheit finden, in der ich mich persönlich ungerecht behandelt fühle. Und wenn mich ich dann gleich für alle, die sich meiner Auffassung nach in dieser Situation befinden, stellvertretend stark mache, erziele ich für mich ein positives Gefühl, etwas Gutes für andere getan zu haben. Ob die anderen das überhaupt wollen, sollte den guten Menschen aber nicht weiter stören oder beeinflussen, handelt er doch immer im Namen der Guten Sache!

Gesellschaft der persönlich Betroffenen

Zunehmend befürchte ich, dass sich eine Gesellschaft der persönlichen Betroffenen entwickelt: Man ist von einer Ungerechtigkeit betroffen, schließt sich zu einer Gruppe von mehreren Betroffenen zusammen und fordert lautstark und medienwirksam die Beseitigung dieser Ungerechtigkeit. Mit welchem Ergebnis? Sind die Gruppen nach der Beseitigung der Ungerechtigkeit dann zufrieden? Kann das überhaupt möglich sein, denn das würde ja bedeuten, dass diese Gruppe und ihre Sprecher obsolet würde. Bezogen auf die vielen geförderten sozialen Projekte würde ich behaupten, dass das überhaupt nicht erwünscht und beabsichtigt ist.

Existenzberechtigung durch Lösen des Problems verlieren, eine Gefahr, die unbedingt verhindert werden muss

Ich wage zu behaupten, dass viele Akteure, die in der Genderdebatte mit lauten Stimmen argumentieren, sich in der Situation der gefühlten Ungerechtigkeit etabliert haben, diese Situation muss demnach stets weiter aufrecht erhalten werden, denn sonst würde ja die Berechtigung (und damit auch der Bezug von Fördermitteln) wegfallen. Als Mensch, der Soziale Arbeit studiert hat, ist mir der Konflikt zwischen dem Schaffen von Problemen zur Arbeitsbeschaffung und dem Aufrechterhalten dieser Probleme zur Arbeitserhaltung bekannt.

Wir befinden uns meiner Auffassung nach also in einer Gerechtigkeitsspirale, die sich selbst immer wieder anfeuert und aus der es so einfach kein Entrinnen mehr gibt. Doch halt – habe ich Begriffe wie „Müllmänner*Innen“ „Baumfäller*Innen“, „Kläranlagenreiniger*Innen“ eigentlich schon einmal gehört oder gelesen? Bewusst jedenfalls noch nicht.

Es wäre an der Zeit, Männern mal wieder eine Lobby, ein Gehör zu geben. Für die ungerechte Behandlung bezogen auf harte, körperlich schwere, riskante Arbeiten, für die Ungleichbehandlung von Jungs in Schule und Gesellschaft, die dazu führen kann, dass Jungen häufiger Probleme mit der männlichen Identität entwickeln, weil es die männlichen Vorbilder zunehmend weniger werden.
Ach, es gibt doch Unterschiede zwischen Männern und Frauen? Tatsächlich?

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